Ärztemangel (49. JuliA-Landeskongress)

Aus Beschlusssammlung der JuliA Sachsen
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Die immer schlechter werdende gesundheitliche Versorgung des ländlichen Raumes ist nur der Anfang der personellen Probleme im Gesundheitswesen. Bereits heute tritt die zunehmende Verknappung von Fachärzten immer deutlicher zu Tage, heute nur in einigen Fachgebieten wie Augenheilkunde, aber schon in sehr naher Zukunft auch in anderen und mehr Disziplinen. Wir dürfen nicht länger die Augen vor den Ursachen des tatsächlich zugrundeliegenden Problems verschließen: Der Landärztemangel ist die erste Manifestation eines allgemeinen Ärztemangels. Die Regierung muss dies und die Vielfältigkeit der Ursachen endlich anerkennen. Viele der bisher ins Feld geführten Lösungsvorschläge genügen selbst einfachen Überlegungen nicht: Die Abschaffung der zentralen Vergabestelle für Studienplätze ändert nichts an der zu geringen Studienplatzzahl. Studienanwärtern, die sich verpflichten später auf dem Land zu arbeiten, einen einfacheren Einstieg ins Studium zu ermöglichen oder Stipendien für Studenten, die selbiges versprechen, führen ebenfalls unterm Strich nicht zur Lösung des Mangels, sondern nur zu dessen Verschiebung. Die JuliA Sachsen fordert daher seit ihrem Landeskongress im Oktober 2009 in Dahlen, die Anzahl der Medizinstudienplätze zu erhöhen. Die Tatsache, dass von 11 000 Studienanfängern nur 6 500 in Feldern der heilenden Medizin arbeiten, ist jedoch symptomatisch für die grassierenden Probleme im Gesundheitswesen: Überregulierung, Bürokratie, Arbeitszeitbeschränkungen, schlechte Planungssicherheit und vergleichsweise geringe Bezahlung machen eine Karriere bei Krankenkassen, in der Pharmaindustrie oder im Ausland attraktiv. Eine faire, leistungsabhängige Bezahlung, die rationale Diagnose und Therapie mit dem Ziel gesunder Patienten bevorteilt, ist der erste Schritt, den Arztberuf gegenüber anderen Betätigungsfeldern für Mediziner wieder aufzuwerten. Das Gespräch und die Untersuchung müssen in der Vergütung besser berücksichtigt werden, denn sie können langwierige und kostspielige Diagnostik und Fehler in der Behandlung vermeiden. Absichtliche Fehler in der Abrechnung mit den Krankenkassen müssen strenger verfolgt werden. Dennoch dürfen notwendige Behandlungen nicht verwehrt werden, weil sie nicht erstattungsfähig sind.

Weniger Papier- und mehr Patientenkontakt ist eine Forderung vieler Mediziner, die es zu übernehmen gilt. In den letzten Jahren erweckten viele neue Dokumentationspflichten erwecken den Eindruck von der Erkenntnis geleitet zu sein, ein Arzt am Schreibtisch verursache weniger Kosten. Der Arzt soll nicht für die Krankenkasse, sondern für seine Kollegen dokumentieren. Das Einfordern von immer umfangreicheren Qualitätsberichten führte ebenfalls zu einer massiven Erhöhung des Verwaltungsaufwandes, der auf ein verträgliches Maß reduziert werden muss. Jede Regierung der letzten Jahrzehnte produzierte mindestens eine Reform des Gesundheitswesens. Keine der Änderungen vermochte jedoch bisher Verbesserungen herbeizuführen. Vielmehr stellen die beständigen Änderungen selbst ein Problem dar: Niedergelassene Ärzte sind Unternehmer, die eine Vielzahl von gesetzlichen und vertraglichen Bedingungen erfüllen müssen. Wie in allen Branchen haben viele Entscheidungen, die getroffen werden müssen, langfristige Wirkung. Ständige Eingriffe bringen schließlich auch die beste Planung irgendwann zu Fall. Die hohen Investitionen sind für viele junge Ärzte angesichts der geringen Planungssicherheit ein Grund sich gegen eine Praxisübernahme oder -neugründung zu entscheiden. Diese Problematik betrifft anders, aber häufig in gleichem Umfang die Krankenhäuser. Die Forderung, entweder endlich richtungsweisende Änderungen durchzuführen oder nicht länger das System bei laufendem Betrieb zu stören, und so endlich einen klaren Rahmen für eine Arbeit zu schaffen, die sich nicht primär um Berichte und Zahlen dreht, ist daher in unseren Augen nicht vermessen. Die Beschränkung der Arbeitszeit ist eine der vorrangigen Ursachen des Ärztemangels. Der jetzige Ärztemangel ist ein Mangel an Arbeitskraft, die unter standardisierten Bedingungen vereinfacht als Produkt von Arbeitszeit und Anzahl der Beschäftigten zu begreifen ist. Der jetzige Mangel an Arbeitskraft ist in diesem Modell vor allem der wenigen (bezahlten) Arbeitsstunden geschuldet. Würde man deren Zahl durch ein Aufweichen der Beschränkungen, die auch den Organisationsaufwand vervielfacht haben, erhöhen, stünde sofort viel mehr Arbeitskraft zur Verfügung, die den Mangel zu einem großen Teil ausgleichen kann. Allerdings muss in diesem Szenario die Bezahlung angepasst werden: Wer vor der Wahl zwischen acht Stunden Schreibtisch oder den heute üblichen zehn bis zwölf Stunden in der Klinik oder in der Praxis und auf Hausbesuchen bei deutlich schlechterer Bezahlung steht, muss zugeben, dass eine Entscheidung gegen den Arztberuf begründbar wird. Wenn die Situation an einigen Orten zu prekär wird, muss lokal über das Ausloben von Förderungen im Idealfall in Form von Sachleistungen nachgedacht werden. Gerade bei Praxisübernahmen kann damit der Übergang auf die nächste Generation erleichtert werden. Dieses Instrument muss jedoch sparsam eingesetzt und durch einen Strukturausgleich gemeinsam mit den Krankenkassen finanziert werden.

Gerade in den Krankenkassen geht durch mangelhafte Digitalisierung und Optimierung von Arbeitsprozessen, durch zweifelhafte Ausgaben für Außenwirkung und Lobbyarbeit ein nicht unbedeutender Teil der erhobenen Beiträge verloren. Ein freier Wettbewerb zwischen den Kassen muss die leistungsfähigsten Betriebe zutage fördern. Stellenabbau durch Automatisierung und andere Optimierungen darf nicht verhindert werden. Ziel muss die Finanzierung der Krankenversorgung und Prävention sein. Abschließend muss man sich den Herausforderungen durch den steigenden Frauenanteil in der Ärzteschaft endlich stellen. Wo keine passenden Betreuungsangebote vorgehalten werden, können junge Ärztinnen mit Kinderwunsch nicht lange arbeiten. Krankenhäuser und Gemeinden werden um die Einrichtung von flexiblen und umfassenden Angeboten nicht umhinkommen: Ein Großteil der Neuimmatrikulierten ist weiblich.